Eishockey-Kolumne: Der Testosteron-Gipfel


Mannheim verliert antizyklisch

Pavel Gross ist ein Mann mit Sinn für die dramatische Zuspitzung. Als starke Trainerpersönlichkeit hat er seine Adler Mannheim im Griff, strebt in der DEL neuen Bestmarken entgegen. Allerdings: Zu viele Punkte wären verdächtig. Deshalb verliert Gross antizyklisch, also nicht in den großen Spielen, sondern in den kleinen. Besonders gerne gegen einen jeweiligen Tabellenletzten. So haben die Mannheimer den Schwenninger Wild Wings Schützenhilfe gewährt, damit deren Saison nicht so langweilig verläuft. Und sie sind nett zu den Grizzlys Wolfsburg. Beide Spiele in Wolfsburg haben sie abgegeben.

99 Prozent sind kein Angebot an Pavel“

Das gilt als pikant. Weil Pavel Gross dort über ein Jahrzehnt wirkte. Äußerst segensreich. Obwohl sie vom Etat in der Mitte der DEL anzusiedeln sind, erreichten die Wolfsburger unter Gross nahezu permanent das Playoff-Halbfinale, dreimal gar standen sie in der Finalserie. Da könnte Gross ja eigentlich ein wenig mehr Dankbarkeit erwarten, wenn er mit seinem neuen Klub an alter Stätte auftaucht. Oder sind da noch ein paar Rechnungen offen? Es ist kein Geheimnis: Pavel führte ein strenges Regiment, Verteidiger Björn Krupp drückte es mal schön verschlüsselt aus: „99 Prozent sind kein Angebot, das Pavel akzeptiert. Auch nicht im Training.“ Björn Krupp, Sohn des früheren NHL-Stars und Bundestrainers Uwe Krupp, leidet nach einem Jahr ohne Gross aber unter Entzugserscheinungen: Kommende Saison wird er bei seinem autoritären Lehrmeister in Mannheim spielen.

München hat sich herangepirscht

Bei den Adlern ist man hochzufrieden mit Gross. Auch wenn es durch den 3:5-Ausrutscher am Sonntag auf dem Grizzly-Eis wieder enger geworden ist an der Tabellenspitze. Der EHC München, der die vergangenen drei Jahre Hauptrunden-Erster und Deutscher Meister geworden ist, hat sich bis auf vier Punkte angenähert. Es bleiben noch fünf Spieltage, da kann also was passieren. Zumal es am Freitag in der Mannheimer SAP-Arena zum Aufeinandertreffen der beiden Großen kommt. Es könnte das Endspiel um Platz eins werden.

Signale senden

Der Testosteron-Gipfel – auch wenn es bis zum Titel für beide noch weit ist. Die Münchner wollen ein Zeichen setzen: Dass kein Rückstand sie umwirft, dass sie die besten Spieler haben, die größte Ruhe, das durchdachteste Konzept. Würde der EHC Hauptrunden-Erster, wäre das ein Signal an die Mannheimer: Ihr habt eine nette Saison gespielt, doch ihr habt keine Nerven. Wenn’s drauf ankommt, sind wir die Besseren, wie die aktuelle Serie von elf Siegen zeigt. Die Adler hingegen würden sehr gerne den Eindruck hinterlassen, die Münchner stets auf Distanz gehalten und die entscheidenden direkten Begegnungen gewonnen zu haben. Botschaft: Wachablösung jetzt.

Das Trauma der Adler

Ein Trauma tragen die Mannheimer seit zwei Jahren mit sich herum. 2017 hatten sie einen Super-Januar und einen Super-Februar und standen vor dem letzten Spieltag oben. Dann diese Nachlässigkeit: Serie beendet durch eine Heimniederlage gegen Straubing. Die Folge: Platz eins war weg, Mannheim geriet in eine Viertelfinalserie gegen die formstarken Eisbären Berlin und schied aus. München indes konnte sich über eine gemütliche erste Playoff-Runde gegen den ausgepowerten Aufsteiger Bremerhaven freuen. Grundlage für die Meisterschaft.

Es wird knistern am Freitag. In diesem Playoff-Spiel vor den Playoffs.