Eishockey-Kolumne: Das Jahr der Gitterspieler

Das übliche Programm „zwischen den Jahren“ hat die Eishockeyspieler nichts anzugehen. Sie haben keine Freizeit, denn sie sind diejenigen, die anderen das Unterhaltungsprogramm liefern müssen: Spiele, Spiele, Spiele. Noch krasser als in der DEL, die nach ihrem Spieltag vom 30. Dezember am 3. Januar wieder ruft, geht es bei den Junioren der Altersklasse U20 zu. Die müssen sogar an Silvester ran. Um 15 Uhr und 19 Uhr sind bei dem Nachwuchsturnier, das derzeit in Tschechien stattfindet, die letzten Vorrundenpartien angesetzt. Gibt es eine andere Sportart, bei der bis zweieinhalb Stunden vor Jahreswechsel Hochbetrieb ist?

Der außergewöhnliche Jahrgang 2002

Im Einsatz sind mit der deutschen U20 auch John-Jason Peterka, Tim Stützle und Lukas Reichel. Man erkennt sie, wenn sie in der DEL spielen, auf dem Eis sofort – auch als Laie. Denn die drei Stürmer sind 17, was bedeutet, dass für die Ausrüstungsvorschrift gilt: Sie müssen ihr Gesicht mit einem Gitter schützen. Sie sind sogenannte Gitterspieler. Doch sie würden wohl auch ohne den Anbau an ihrem Helm auffallen: Weil sie gut sind. Sie mischen die Deutsche Eishockey-Liga auf, in der sie auf Spieler treffen, die doppelt so alt sind. Derzeit sieht man auch bei der U20-WM, dass da ein außergewöhnlicher Jahrgang (2002) heranwächst – noch nie erwiesen sich die jungen Deutschen als derart konkurrenzfähig.

Seider war der Wegbereiter

In der Saison 2018/19 hatte es erst einen Gitterspieler gegeben: Moritz Seider ging als 17-Jähriger in die letzte Saison, an deren Ende er Nationalspieler war und vom NHL-Klub Detroit Red Wings gedraftet wurde. Seider spielt jetzt in Amerika (und momentan bei der U20-WM). Was er in nur einem Jahr in seiner Heimat Deutschland hinterlassen hat: eine Willkommenskultur für den eigenen Nachwuchs. Weil es Seider in Mannheim gab, kann es nun Stützle ebenfalls bei den Adlern, Peterka in München und Reichel in Berlin geben. Die DEL ist stolz auf sich, dass sie es gewagt hat, auf junge Leute zu setzen. Fallen heutzutage Routiniers verletzt aus, sucht man nicht nach Importen aus Amerika, die sie ersetzen, sondern in der eigenen Jugend. „Jeder Schaden, nämlich ein verletzter Spieler“, sinniert Christian Winkler, Manager von Tabellenführer Winkler, „hat einen Nutzen: Dass sich ein junger Spieler zeigen kann.“

Ab Sonntag wieder mit den Jungstars?

Die DEL-Vereine, die ihre Junioren für die Weltmeisterschaft in Tschechien abgestellt haben, blicken nun auf die Terminkalender. Sehnsüchtig: Wann kommen unsere Jungs zurück? Wahrscheinlich füllen sich am Sonntag die Kader wieder. Am Freitag, wenn unter anderem das dritte Rheinderby des Jahres, Köln – Düsseldorf, das Kalenderjahr eröffnet, werden die Jungstars wohl noch beschäftigt sein.

Im Januar werden die ersten beiden Gitter abmontiert

Bald wird sich in ihrem Leben auch etwas Nachhaltiges verändern: Peterka wird am 14. Januar 18, Stützle am Tag darauf. Was beide tun werden: Das Gitter abmontieren. Als Zeichen, dass sie erwachsen sind und nun auch offiziell Männer-Eishockey spielen. Nur der Berliner Lukas Reichel wird als Gitterspieler dann noch übrigbleiben. Sein 18, Geburtstag ist am 17. Mai. Nach der DEL-Saison. Aber während der WM. Mit ihm? Wer weiß…